Gestern war dann der große Tag gekommen und die beiden Finalspiele wurden ausgetragen. Der Vormittag verlief bei den meisten relativ ereignisarm. Die meisten schliefen sich (oder ihren Rausch von der kleinen Feier am Vorabend) einfach nur aus. Obwohl man die Bierbraukünste der Franzosen durchaus kritisch hinterfragen kann, schafften wir es dennoch, den Müllbehälter vor unseren Zimmern komplett mit selbigen Flaschen zu füllen. Gerüchteweise gesellte sich auch die ein oder andere Flasche roten Weintraubenprodukts dazu.
Einige von uns schauten sich vormittags noch das Finale des B2/B3-Wettkampfes zwischen Weißrussland und der Ukraine an. Das Tempo und die Technik wurde von unseren Trainern als Oberliga-Niveau eingestuft – es ging also schon sehr gut zur Sache. In einer Demonstration besigten die Weißrussen ihren Nachbarn mit 4:0, hätten aber auch ohne größere Probleme zweistellig gewinnen können.
Nach dem Mittagessen fand noch eine sehr kurze Nachbesprechung statt. Das große Händeschütteln begann bereits beim Hotel-Personal, dem wir einen Blindenfußbal mit allen Unterschriften überreichten. Auch unsere französischen Betreuer Michel und Didier erhielten zwei Präsente von uns. Als kurzes Fazit zog Uli, dass das gesteckte Ziel mit Platz 5 erreicht worden und er stoltz auf uns sei. Mit diesem Resultat verband er die Hoffnung auf noch bessere Rahmenbedingungen für den Blindenfußball in Deutschland. Wir beide fänden bspw. die Umleitung der Hauptverkehrsstraße vor dem deutschen Hotel während der Europameisterschaft schon mal als sinnvollen Anfang
. Für die nächste Europameisterschaft wurde Platz 3 als Ziel ausgegeben.
Am Nachmittag fuhren wir dann geschlossen zum Stadion, um uns die beiden Finalspiele anzuschauen. In einem sehr einseitigen Match sicherte sich zunächst der Top-Favorit Spanien verdient den 3. Platz gegen die destruktiven Griechen mit 2:0. Dennoch dürfte die EM für die Iberer eine große Enttäuschung sein. Denn seit 1997 hatten sie ununterbrochen den Platz an der Sonne gebucht. Beim abendlichen Diner feierte jedoch ganz Spanien, denn das rot-gelb-rote B2/B3-Team erreichte ebenfalls den 3. Platz.
La grande final zwischen England und Frankreich fand im Anschluss statt. Auf Grund der Halbfinalspiele gingen die Engländer leicht favorisiert in diese Partie. Doch die Gastgeber hatten von Anfang an das Zepter in der Hand und übten Druck auf das englische Gehäuse aus. Star-Stürmer David Clarke kam überhaupt nicht ins Spiel und schien einen gebrauchten Tag erwischt zu haben. Er lief sich immer wieder in der französischen Defensive fest und verstolperte Ball um Ball. Die Franzosen dagegen fuhren Angriffswelle um Angriffswelle, ohne jedoch Durchschlagskraft entwickeln zu können. Diese eklatante Abschlussschwäche der Franzosen hatte sich bereits in den bisherigen Spilen als größtes Manko der ansonsten überragend spielenden Equipe Tricolore gezeigt. So ging es mit einem torlosen Remis in die Halbzeit.
In der zweiten Halbzeit entwickelte sich ein hochklassiges und dramatisches Spiel. Überraschenderweise ging England durch eine geschickte Freistoßvariante in Führung. Die Mauer der Franzosen stand dabei nicht optimal, so dass der Ball an der Mauer vorbei ins Torwarteck gezirkelt werden konnte.
Die Franzosen ließen sich davon jedoch nicht schocken und liefen weiterhin aufs britische Tor an. Nur wenige Minuten später fasste sich der französische Kapitän Frederic Villeroux ein Herz und marschierte übers gesamte Feld Richtung gegnerisches Tor. Mit einem fulminanten Pike-Schuss überwand er den sonst sehr sicheren englischen Keeper.
Wiederum nur wenige Minuten später erhielt England die Chance auf die erneute Führung. Auf Grund des vierten Team-Fouls wurde ihnen ein Achtmeter zugesprochen. Diesen verwandelte Gribbin clever. Sein flacher Rechtsschuss schlug unhaltbar im Gehäuse ein. Der Treffer war jedoch sehr umstritten, da der Schütze den Schuss zeitgleich mit dem Pfiff des Schiedsrichters abgab.
In der Folge tat sich die französische Angriffsmaschinerie gegen den englischen Beton jedoch schwer. Diverse Penalties wurden in gewohnter Art und Weise vergeben. Sieben Minuten vor Schluss geschah jedoch das Unglaubliche: Frankreich verwandelte einen Achtmeter knapp unter die Latte zum 2:2-Ausgleich. Nun war die Stimmung am Siedepunkt und die Zuschauer mussten ständig vom Stadionsprecher um Ruhe gebeten werden. Die Franzosen schienen jedoch an diesem Tag auch von Allah Beistand zu bekommen. Während der Ausführung eines Achtmeters begann auf einmal ein türkischer Fan, sich betend in Ekstase zu singen und ließ sich auch durch den Stadionsprecher nicht zur Räson bringen.
2 Minuten vor Schluss setzte Frederic Villeroux den Schlusspunkt dieses furiosen Spiels: der herausragende Spieler dieses Turniers düpierte die komplette Hintermannschaft der Kicker von der Insel und drosch den Ball ins linke untere Eck. Diesen knappen Vorsprung retteten die Franzosen über die Zeit. Danach kannte der Jubel logischerweise keine Grenzen. „Allez les bleu!“ schallte war bis spät in die Nacht zu hören.
Aus unserer Sicht ist Frankreich verdienter Europameister, weil das Team als Kollektiv die stärkste Leistung präsentierte und diese konstant abrufen konnte. Die Engländer enttäuschten im Finale und es rächte sich, dass ihr Spiel zu sehr auf einen einzigen Spieler zugeschnitten ist.
Von der Abschlusszeremonie wird Mike euch berichten. Fotos folgen im Laufe der nächsten Tage.
Heinrich, der froh ist, heute Abend wieder in seinem eigenen Bett schlafen zu können