Blindenfußball Ausbildungs-Reise im März 2018

 

Hamburg – Schleswig-Holstein– Schweiz – Kambodscha – Hamburg                                                                                                          

FSJler – Sportlehrer – National Team – Trainer und Spieler – Sportlehrer

28.Februar 2018

Kieler Straße Soccer Halle (FSJler)

24 junge FSJler der Diakonie lernen Blindenfußball im Rahmen ihres Seminars kennen. Weil einer von zwei parallel gebuchten Soccer Courts nur 45 Minuten zur Verfügung steht, und wir die gemeinsame Zeit wertvoll nutzen wollen, starten wir in einem Gymnastik-Raum, den uns der Hallenbetreiber freundlicherweise zur Verfügung stellt. Rufen und Lachen in maximaler Lautstärke erfüllen den Raum in kürzester Zeit. Spielstaffeln im Wettbewerb, kommen super an.

In der Soccer Halle wird Blindenfußball in vier Gruppen erst trainiert und dann gespielt. Beäugt von, vor und nach uns trainierenden Jugend-Teams von Germania Schnelsen und vom ETV, ragen eine junge Frau und ein junger Mann aus der FSJler Gruppe heraus. Sie sind die einzigen, die in der sehr kurzen Spielzeit schaffen mehrere Tore zu erzielen. Die Feedbackrunde am Ende ergibt, dass beide Fußball trainiert haben, aber als Jugendliche bereits wieder aufgehört haben Fußball zu spielen.

7. März 2018

Trappenkamp Landesturnschule Schleswig-Holstein 20 Sportlehrer (Kreis-Schulsport-Deputierte)

0°C, eisige Straßen. Am Ausbildungsplatz der Schleswig-Holsteinischen Leistungs-Turner wagen sich 20 Sportlehrer im Selbstversuch unter die Dunkelbrillen, um zu erfahren, ob Blindenfußball etwas für den Sportunterricht in Schleswig-Holstein werden könnte. Das Ergebnis ist offen. Staffeln im Wettbewerb bereiten auch den Sportexperten Freude. Das Abschlussspiel 3 gegen 3 auf jeweils 2 Tore in der akustisch lauten Umgebung überfordert dann, wie anfangs angekündigt, die Lehrer. Aussagen wie, „Ich hatte kein einziges Mal den Ball und wusste komplett nicht mehr, wo ich war,“ drücken nicht unbedingt spaßige Erfolgserlebnisse aus. Das auch sprachbegabte Lehrer, die Rolle als Rufer / Guide sehr anspruchsvoll empfinden, ist für die Sportart Blindenfußball charakterisierend. Am 24.3.2018 werden Hamburger Sport Lehrer Blindenfußball ausprobieren, mal schauen ob das Rufen / Guiding auch von den Hamburgern als sehr schwer empfunden wird.

9. März 2018 Nationalmannschaft Schweiz

Delémont (3 Trainer / 7 Spieler)

In der Schweiz gründet sich eine Blindenfußball Nationalmannschaft. Die IBSA (International Blindsport Federation) unterstützt solche Aufbau-Initiativen und hat mich eingeladen, als Trainer den Schweizern zu helfen. Abflug von Hamburg nach Basel. 60 Minuten vor Abflug am Check-In. Keine weiteren Passagiere außer mir. Meine Frage an das Boden-Personal, ob der Check-In denn schon offen sei, erzeugt breites Grinsen. Flieger mit eiligen Schritten noch erreicht. In Basel hört man gleichberechtigt Französische- und Deutsche Sprache. Tempo jetzt zwei Gänge langsamer als in HH, alles entspannt. Meine Frage, ob für den IC von Basel nach Delémont Zuschlag fällig wird, kommentiert der Mann am Schalter mit, „…ach die geizigen Deutschen…“. In Delémont angekommen, dem Ort, wo das „Schweizer Messer“ erfunden wurde, Meeting zum Mittag Essen mit dem Schweizer National Trainer Mathieu und Co-Trainern Jason und Angelo, plus IBSA Mann David. Zwei der 3 aus dem National Trainer Team sind Torhüter. Kommt mir bekannt vor. Anschließend an das Mittagessen folgt eine große sportpolitische Gesprächsrunde, mit drei Vertretern des Behinderten Sportverbands der Schweiz „PluSport“ und einem Vertreter des Schweizer Fußballverbandes. Super interessant, eine emotionale und sportpolitische Diskussion mit zu erleben, die sich darum dreht, wo und wie die Blindenfußballentwicklung in der Schweiz gelagert sein sollte. Einer der „PluSport“ Leute Stephan war professioneller Beachsoccer Player und schätzt den ehemaligen FC St. Pauli Profi und russischen Beachsoccer – und jetzigen U 21 National Trainer Nicolai Pisarev als genießenden Lebenskünstler. Blindenfußball braucht eine Seiten-Bande an den Außenlinien. Die Schweizer besitzen ein aufblasbares Bandensystem, wie es in Frankreich viel genutzt wird. Durch Fön angeheizte Winde haben die aufpumpbare Bande am ersten Tag gefährlich durch die Luft geschleudert. Am zweiten Tag wurde dann mit weniger windempfindlicher Flatterband Bande gespielt. Ob es am Sturm lag oder an der konsequenten Verdunkelung mit Augenpflastern an Tag zwei, das einem 9-2 am ersten Tag ein 1-0 im Abschlussspiel folgte bleibt unklar. Die Schweizer sind ein gutes Team, dem wahrscheinlich noch der eine oder andere B1 Spieler fehlt, um auch international offizielle Wettkampfspiele bestreiten zu können.

In Zürich bei Kumpel Daniel und AFM Radio Fan übernachtet und am Abend zwischen Hochstraßen Stadtbild und Hausbesetzer Flair im „Helsinki“ (Pudel ähnlich) drei formidable Musiker des „Ad Hollander – Trio from Hell“ bei ihrem 634. Sonntagsauftritt belauscht.

13.März 2018 8:35 Kambodscha

Landung in Phnom Phen nach 16 Stunden im Flieger. 33°C Harsche Ansage von einem mit reichlich Orden verziertem Zoll Chef und dazu in blaue Hemden gekleidete Zollbeamte, die hinter dem Tresen in einer 15er Reihe bei der Visumsausstellung sitzen, lassen das Bild entstehen, an einer Zulassungsberechtigung zu einem unbekannten hermetischen System teil zu nehmen. Mit Blumen geschmückte Damen, bewaffnetes Militärpersonal und orange Farben tragende buddhistische Mönche hinter der Zollschranke sind ein festlicher Empfang. Zum ersten Mal an einem Flughafen ankommend lese ich meinen Namen ausgedruckt auf Din A4. Ein „Tuk-Tuk“  ist ein Klein-Motorrad, dass mich in seinen kutschartigen Anhänger aufnimmt und durch eine sehr erstaunliche urbane Realität zum Sitz der ISF Stiftung zieht, die mich eingeladen hat. Phnom Phen ist die Hauptstadt der Mopeds und Motoroller, und die absolut gelebte Verkehrs-ANARCHIE. Jeder Verkehrsteilnehmer sucht den direkten Weg zum Zeil. Das bedeutet, dass einem auf jeder Straße in der deutschen Sprache so genannte Geisterfahrer entgegenkommen. Diese Verkehrs-ANARCHIE ist eine extrem friedliche, denn Rücksicht ist das impulsgebende und gleichzeitig kontrollierende Element, in dem individuellen Bestreben jedes einzelnen, den schnellsten Weg für sich nach vorn zu finden. 

Fußgänger gibt es kaum, aber wer auf einer 2 mal 5 spurigen Straße im vollsten Verkehr zu Fuß losgeht, im vollstem Vertrauen antritt und mit Blickkontakt zu den diversen motorisierten Mitmenschen losgeht, um die Straße zu überqueren, kann erleben, wie glücklich eine natürliche Rücksichtnahme machen kann. Wer sich als Opfer verhält, hat bereits verloren. Durchatmen beim unversehrten Erreichen der gegenüberliegenden Straßenseite kennzeichnet den Ungeübten. Jeden Morgen und Mittag vom Hotel aus zum Blindenfußball Trainingsplatz eine Stunde im Tuk-Tuk hin und eine Stunde zurück durch Phnom Phen ist mein geliebtes tägliches Roadmovie. Nudelsuppe zum Frühstück mit Rithy meinem Fahrer in einer Trucker-Restauration inbegriffen.

Ich bin nicht wegen Nudelsuppe und Verkehrsbeobachtung nach Kambodscha eingeladen worden, sondern um jungen Trainern die Kernelemente der Blindenfußball Vermittlung näher zu bringen, damit Sie zukünftig in Kambodscha Blindenfußball Training anleiten können.

Am ersten Tag, nur drei Stunden nach der Landung mit den 11 Trainern steigt eine erste aktive Sensibilisierungseinheit.

14.März 2018

Am zweiten Blindenfußball Trainingstag wird bereits gemeinsam mit blinden und sehbeeinträchtigten Spielern trainiert. Das ISF Sportgelände besteht aus 2 großen Rasenspielfeldern und einem kleinen (30mx18m) Kunststoffspielfeld, auf dem es leider, wie schon in der Schweiz kein Bandensystem gibt, das bespielbar wäre. Also muss wieder mit einem improvisierten Flatterband Bandensystem und „Rebound-spielern“ gearbeitet werden. 4 große Tore dienen als Halterung für das Flatterband. 

Mehr als die Hälfte der Trainer versteht Englisch nur in ganz groben Zügen. Gut, dass Makara mich ausfragt und dann auf Khmer seinen Trainern mit Hilfe meiner Magnettafel die Grundsätze des Blindenfußballs erklärt. Die 11 blinden und sehgeschädigten Spieler trainieren schon seit einem Jahr Blindenfußball und sind heiß auf Spielen.  Die Trainer lernen die Basis Grundsätze des Blindenfußball Spiels und dessen Vermittlung gerade erst kennen.  Gut, dass sich in den Feedbackrunden nach den Trainingseinheiten die Spieler und Trainer miteinander abstimmen. Zwei weitere intensive Trainingstage mit ausgiebigen Abschlussspielen, die um spätestens 11:30 enden, weil bei 37°C im Schatten, Fußball nicht mehr ganz so viel Spaß macht, bringen Spieler und Trainier enger zusammen.

Am 16.März steigt das Abschlussspiel der blinden und sehbeeinträchtigten Sportler im Modus 3 gegen 3 auf dem kleinen Kunststoffspielfeld. Packendes Spiel mit unentschiedenem Ausgang.

Danach holen sich die Trainer eine 5 zu 0 Klatsche gegen die blinden und sehbeeinträchtigten Spieler ab.

Die 4 Blindenfußball Trainings Tage gingen viel zu schnell vorbei.

17. März 2018

Am Samstag schaue ich mir Rollstuhl Training an, das von ISF Trainern angeleitet wird.

Nach dem Rollstuhl Training schaue und höre ich die traurige jüngere Geschichte Kambodschas auf einem Killing Field an. Die Roten Khmer haben von 1975 bis 1978 ein Fünftel der eigenen Bevölkerung Kambodschas bestialisch und zynisch totgeschlagen oder auf diverse andere Art und Weise entmenschlicht und ermordet.

Am Abend spielt der FC St. Pauli gegen Kaiserslautern. In der Score Sportsbar schaltet der Wirt einen Stream vom Spiel auf einen Monitor. Nach 10 Sekunden friert das Bild zum ersten Mal ein. Alle 15 Minuten bewegt sich das Spiel wieder für 10 Sekunden. Gut, dass ich über W-Lan AFM Radio hören kann.

Danach treffe ich mich mit dem FC St. Pauli Fanclub „Phnom Phen Pirates“ in deren Stammkneipe dem Sharkys, gleichzeitig die älteste Rock’n‘Roll Bar Phnom Phens. (Danke an den Asien-Fanbeauftragten Ali für die Vermittlung.) Bei den Billardtischen im Sharky ist ein großer St. Pauli Totenkopf in die Wand eingelassen. Andere FCSP Devotionalien sollen von Hertha Fröschen gewildert worden sein.

Punkrock live in Oskars Bar. Wo ich kurz die Hand der besten Sängerin Kambodschas schütteln darf.  Ich fahre für 2 Tage ans Meer (Keb) um etwas Ruhe zu haben, um dort die Blindenfußball Ausbildungspräsentation ins Englische zu übersetzen. Mittwoch wieder in Phnom Phen erfahre ich, dass Channthy Kak, 38 Jahre alt,  die Sängerin des Cambodian Space Projects bei einem Verkehrsunfall im Tuk-Tuk gestorben ist. L I N K

An meinem letzten Tag in Phnom Phen, Donnerstag, 22.März 2018, startet um 8:30 die letzte Schulung der Trainer.

Nach der Power Point Präsentation erarbeiten die Trainier einen Trainingsbaustein, den Sie den anderen Trainern vorstellen und später auf dem Fußballplatz der Schule aktiv anleiten. Die Trainer die nicht anleiten agieren als blinde (verdunkelte) Feldspieler. Der gemeinsame Spaß der Teilnehmer steht bei aller sachlicher Inhaltlichkeit in Kambodscha noch mehr als anderswo im Mittelpunkt. T-Shirts für die Trainer. Schal und Khmer-Puppen-Paar auf dem Sofa für mich. Berührende Eindrücke, open your mind, oder wer schon open minded ist:

Keep your mind wide open“

   

Landung in Hamburg Freitag 23. März 2018

Nachmittags wieder reguläres Training mit den Blindenfußballern des FC St. Pauli.

Samstag, 24. März 2018, Lehrerfortbildungsinstitut

Blindenfußball als Auftakt der Lehrerfortbildung zum Thema FIFA Fußball WM 2018, endlich nicht mehr allein, sondern mit Serdal und Philipp als Spieler und Lorena als Guide und Marcel als Assistent des Blindenfußball Teams FCSP.

Dieses Mal werden die Lehrer nicht durch das Abschlussspiel überfordert, denn Sie wünschen sich mit nur 2 Spielern pro Team im größten möglichen Spielfeld der vorhandenen Einfeld-Halle spielen zu können. Dadurch behalten die Lehrer als Blindenfußball Feld-Spieler die Orientierung und Kommunikationsfähigkeit.

Anleiten und Ausbilden macht Spaß. Am meisten Spaß macht das gemeinsame Anleiten und Ausbilden mit Spielern und Guides aus dem eigenen Team. Vielleicht trainieren und spielen wir mit dem Blindenfußball Team des FC St. Pauli, mal auf diesem Platz, mit und gegen die Kambodschaner.

Wolf Schmidt

Trainer Blindenfußball FC St. Pauli von 1910 e.V.